Mittwoch, 11. August 2021

Ein Missionar erzählt... Zu Fuß zu den Menschen

 Südsudan. Eine von Gewalt gebeutelte Region Afrikas und zugleich ein Land voll christlicher Hoffnung. Der Comboni-Missionar P. Gregor erzählt von seiner Arbeit.

Seit über neun Jahren lebt P. Gregor Schmidt als Comboni-Missionar beim Hirtenvolk der Nuer im Südsudan. Seine Pfarre Old Fangak liegt im „Sudd“, dem Überschwemmungsgebiet des Nils. In der Regenzeit von April bis Oktober steht ein Großteil des Landes unter Wasser. Die Region ist mit Fahrzeugen nicht erreichbar. Es gibt keine Straßen. Entweder man fährt mit einem Einbaum-Kanu, oder man geht – manchmal steht einem dabei das Wasser bis zum Hals. „Die Leute hier gehen eigentlich alles zu Fuß, und wir gehen mit ihnen“, erzählt P. Gregor. Zwei Priester sind für ein Gebiet zuständig, das so groß ist wie die halbe Steiermark.


Kultur der Hirtenvölker – Tanz und Gewalt

Sonntags kommen gut 1200 Menschen ins Pfarrzentrum von Old Fangak zum Gottesdienst. Eine Uhrzeit für den Beginn des Gottesdienstes gibt es nicht, denn es würde sich niemand daran halten. Die Ankunftsphase dauert etwa eine Stunde. Die Frühangekommenen tratschen miteinander, später probt dann der Chor für den Gottesdienst. Die Messe dauert drei Stunden. Besonders lange braucht der Gang zur Kollekte – bis 1200 Menschen bei der Kollektenbox waren, hat der Chor fünf lange Lieder gesungen. Außerdem wird nicht gegangen, sondern getanzt.

So fröhlich ein Gottesdienst klingt, so schwer ist das Leben. Der Südsudan ist eine der am wenigsten entwickelten Regionen Afrikas, die zudem den längsten Krieg des Kontinents durchlebt. Seit 1955 hat er vier Generationen von Menschen traumatisiert. Gewalt gibt es aber nicht nur durch Kriegshandlungen. Auch zwischen den Volksstämmen und innerhalb der Völker ist Gewalt an der Tagesordnung. „Jeder Mann besitzt hier eine Kalaschnikow oder andere Waffen“, erklärt P. Gregor. Traditionelle Feste werden nachts und mit Alkohol gefeiert, „da kracht es schon einmal schnell“, so der Comboni-Missionar. Es gilt das Prinzip der Blutrache. Wird ein Mensch getötet, muss er gesühnt werden. Aber es ist nicht wichtig, den Mörder zu finden. Es reicht, einen männlichen Verwandten als „Ausgleich“ zu töten, weil der Einzelne stellvertretend für die Sippe steht.

Von Feindesliebe und Gnade

Feindesliebe zu predigen ist unter diesen Umständen eine enorme Herausforderung. „Weil ich Ausländer bin, habe ich das Leiden der Nuer zu meinem eigenen Leiden gemacht und stelle keine Forderungen“, berichtet
P. Gregor. „Wir beten für die Toten und segnen die Verletzten.“ Zu gewissen Anlässen beten Nuer Fürbitten in der Sprache der Dinka (des großen Widersachers im aktuellen Bürgerkrieg), um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen. Das kirchliche Leben ist ein Schutzraum: „Unsere aktiven Katholiken sind merklich weniger gewaltaffin als der Durchschnitt“, hält P. Gregor fest, „und wir feiern unsere Feste am Tag und ohne Alkohol, und auf Kirchengelände gilt Waffenverbot“, zählt er die Versuche auf, das Zusammenleben gewaltfreier zu gestalten.

Zusätzlich zu kulturellen Herausforderungen hat der Missionar auch mit sprachlichen Barrieren zu tun. Er spricht zwar die Sprache und es gibt auch eine Nuer-Bibel, doch viele Worte lassen sich nicht übersetzen. Nuer kennen beispielsweise kein Wort für Gnade. „Wir übersetzen Gnade derzeit aus der Not heraus mit ‚freiem Segen‘, wobei ‚frei‘ aber auch ‚wertlos‘ heißen kann“, beschreibt der Missionar die Schwierigkeiten. Es bleibt also immer noch Erklärungsbedarf.

Der Südsudan ist eine multi-ethnische Gesellschaft mit über 60 Völkern und Sprachen. Etwa drei Viertel der Bevölkerung sind halb-nomadische Hirten. Die Analphabetismus-Rate liegt bei ca. 75 %. Die offizielle Amtssprache ist Englisch.