Dienstag, 1. Juni 2021

Zeitsprünge – Auf einen Blick die Veränderungen spüren

Im Herbst 2020 rief Walter Hermann das Projekt

"Zeitsprünge – 100 Jahre Burgenland " 

ins Leben. Heute befinden sich bereits über 800 interaktive Bilder auf seiner Website und er hat damit internationales Interesse hervorgerufen. Die Wurzeln seines Projekts liegen auch in der Diözese.


Kirche St. Nikolaus - Pöttsching

Vom Geist des 2. Vatikanums zurück zum nachgebauten Barockaltar.

                             www.zeitspruenge.at
                                www.burgenland100.at


Eisenstadt – Geplant waren 100 Zeitsprünge zu 100 Jahren Burgenland, doch schon jetzt laden mehr als 800 visuelle Kompositionen aus Vergangenheit und Gegenwart auf eine interaktive Zeitreise durch das Burgenland ein. Vom Seewinkel bis in den Bezirk Jennersdorf, die "Damals – Heute Zeitsprüngezeigen auf der Website von Walter Hermann einen Rekord an Mitbeteiligung durch die Bevölkerung auf, den nicht einmal der Initiator selbst so erwartet hätte. "Beinahe täglich kommen neue dazu. Dabei geht es nicht nur darum, historische Bilder aus der 100-jährigen Zugehörigkeit des Burgenlandes zu Österreich hervorzukramen. Ziel ist es, sie 'in die Gegenwart zu transportieren' und mit einem aktuellen Foto zu dokumentieren", betont Walter Hermann, Projektleiter, IT-Enthusiast und pensionierter Professor für Geschichte, Religion und Informatik, des Gymnasiums Wolfgarten in Eisenstadt.

Vergleichen, Wiederentdecken, Weiterdenken
Ausgehend von historischen Aufnahmen, die perspektivengetreu nachfotografiert wurden, laden wöchentlich neue interaktive Bildpaare zum Vergleichen, Wiederentdecken und Weiterdenken ein. Durch die Unterstützung der Österreichischen Nationalbibliothek, des Diözesanarchivs und des Burgenländischen Landesarchivs, ergänzt durch Chronikmaterial aus Gemeinden und Pfarren, startete das Projekt mit einem reichen Pool an Fotografien des vergangenen Jahrhunderts. Dank des begeisterten Mitmachens und Involvierens der Bevölkerung – das Teilen privater Sammlungen – entwickelte es vielfältige Dimensionen und wurde zu einem bunten Mosaik das Geschichte(n) mit der Gegenwart zusammenführt.

Kirchen als Herz der Gemeinde
Zum Projektstart steuerte die Diözese eine digitale Sammlung von ca. 130 Kirchenaufnahmen bei. Mit dieser Kooperation legte sie den Grundstein für Material, das zum Nachfotografieren urheberrechtlich verwendet werden kann. Aktuell beschäftigen sich mehr als ein Drittel der Aufnahmen mit kirchlichen Bauten. "Der Grund ist klar: Kirchen bilden über Jahrhunderte das Herz der Gemeinden, sie prägen das Ortsbild bis heute", so Walter Hermann. Auch von Martin Korpitsch, dem kürzlich verstorbenen Generalvikar der Diözese und leidenschaftlichem Wallfahrer, befindet sich eine Fotografie in der Sammlung.

Viele Aufnahmen zeigen Kirchen von außen und von innen, durch Menschen belebt und in sich ruhend. Immer wieder vereinen sich diese Momente. Bauliche und ausstattungstechnische Veränderungen werden mit einem "Klick", mit einer Bewegung, offen und ersichtlich. "Pöttsching ist ein interessantes Beispiel. Vom Geist des 2. Vatikanums zurück zum nachgebauten Barockaltar. Damals war ich selbst im Pfarrgemeinderat und wurde restlos demokratisch überstimmt. Mir wäre eine andere zeitangepasste Architektur viel lieber gewesen. Den umstrittenen Nachbau hinterfragt aber heute niemand mehr", so Walter Hermann.

Wer einen Zeitsprung schafft, macht oft weitere
Was die Menschen bewegt mitzumachen, sieht Walter Hermann in der Anforderung, sich aktiv mit der gewählten historischen Szene auseinanderzusetzen. "Es ist wesentlich mehr, als 'nur' ein Foto aus einem Album hochzuladen und kann ganz schön viel Zeit in Anspruch nehmen. Doch wer einmal einen Zeitsprung geschafft hat, macht sehr oft weitere. Auf diese Weise entstehen immer wieder richtige Serien. Dazu kommt, dass es doppelte Freude macht – das Schaffen und das 'Herzeigen' hat seinen Stellenwert", so Hermann.

Burgenland dank Zeitsprünge in "My House of European History"
Die "Zeitsprünge" wecken internationales Interesse – sei es von AuslandsösterreicherInnen oder von Museumsfachleuten. Nach einer Anfrage zu einer Kooperation werden nun die besten "Zeitsprünge" in das Europäische Haus der Geschichte in Brüssel aufgenommen und einem breiten Publikum präsentiert. "Die erste Story ist online und wird in Folge in alle 24 EU-Sprachen übersetzt. Das ist einfach unglaublich", freut sich Hermann. Eine Fortsetzung nach dem 100-Jahr Jubiläum werde es auf alle Fälle geben.

"Erleben" im Mittelpunkt
Walter Hermann war bis zu seiner Pensionierung 2018 Professor für Geschichte, Religion und Informatik am Gymnasium Wolfgarten. Schon früh beschäftigte er sich mit dem Internet. Vor allem aber war er daran interessiert, die technischen Möglichkeiten für die Vermittlung von Inhalten zu nutzen. An der Pädagogischen Hochschule in Eisenstadt verantwortete er die IT und initiierte anlässlich der 100-Jahr-Feier der Republik Österreich das E-Learning-Projekt "100 Jahre Republik – 100 Jahre Leben", wofür er den Demokratiepreis der Margaretha-Lupac-Stiftung erhielt. 15.000 SchülerInnen machten dabei mit, das "Erleben" von Geschichte(n) stand schon damals im Mittelpunkt. Die Anerkennung durch den Preis bezeichnet Hermann als "zweifelsfrei mein beruflicher Höhepunkt". Man darf gespannt sein, was die Pension bringen wird.