Dienstag, 12. Januar 2021

Veränderungen neugierig und voller Elan angehen

 


Geburtliches Denken besagt, dass Veränderungen leicht fallen können - auch im Alter. Bisher tun wir uns aber meist schwer damit. Wieso das so ist und wie es besser gelingen kann, erklärt die evangelische Theologin, Psychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin Barbara Knittel.

Das Interview führte Elisabeth Willi

Gibt es Zahlen, wie viele große Veränderungen ein Mensch durchschnittlich im Leben durchläuft? 
Knittel: In Zahlen lässt sich das kaum messen. Bei jedem Menschen gibt es jedoch natürliche Lebenskrisen, wie wir das in der Psychologie nennen. Das sind Zeiten von tiefgreifenden Veränderungen, verbunden mit Lebensübergängen, die jeder Mensch durchläuft, z.B. der Schul-eintritt, der Berufseinstieg, die Hochzeit oder der Austritt aus dem Berufsleben. 

Warum tun sich viele Menschen schwer mit Veränderungen?
Knittel: Jeder Mensch hat Muster entwickelt und manche davon sehr tief verinnerlicht. Essgewohnheiten zum Beispiel. Wenn man bestimmte Lebensmittel weglassen will oder muss, sieht man, wie schwer das ist und wie schnell man auch wieder in den alten Automatismus kommen kann.
Für Menschen, die psychisch erkrankt oder angeschlagen sind, sind Veränderungen meist sehr mühsam. Oft müssen aber gerade sie - aus dem Druck heraus, dass die bisherige Art zu leben nicht mehr funktioniert - eine Veränderung anstreben. Psychisch stabilen Menschen gelingen Änderungen besser, da sie deren Auswirkungen - das Positive und Schöne - eher sehen. Wenn ein Mensch eine Veränderung neugierig und voller Lebenskraft angeht, kann es sogar leicht fallen. 

Was hilft noch, damit Veränderungen leichter gelingen?
Knittel: Zuerst sollten wir erkennen, dass das Leben stets im Fluss ist und wir in ständiger Veränderung sind. Jeder Tag ist anders. Schon rein körperlich verändern wir uns tagtäglich, weil z.B. Zellen absterben oder sich erneuern. Eine - ich nenne es - Bewusstwerdung ist ebenfalls hilfreich: spüren, bei welchen Lebensthemen verenge ich mich und wo möchte ich dranbleiben, um in mehr innere und äußere Beweglichkeit zu kommen. Und schließlich geht es auch um die Erfüllung dessen, was ich ins Leben bringen kann und möchte. Wenn das als Lebensgrundhaltung gelebt wird, kann auch die Lust auf Veränderung wachsen.
 
Wie sieht es mit Veränderungen im Alter aus?
Knittel: Das Alter bringt immer Veränderungen mit sich, denen man nicht entgehen kann: Die Wahrnehmung, das Gedächtnis und die Kräfte verändern sich - das ist ein großer Einschnitt. Wie diese Veränderungen erlebt werden, kann auch mit der Einstellung zu tun haben - nehme ich sie nur als Verlust wahr oder als etwas, das mir eine andere Qualität erschließt. Solche Qualitäten wären zum Beispiel eine Verlangsamung oder ein anderer Blick auf gewisse Themen oder Dinge. Für Menschen, die in Pension kommen, ändert sich die freie Zeit, die zur Verfügung steht. Dadurch erwacht bei einigen die Neugierde, sie gehen brach liegenden Interessen nach und schauen, wie sie sich entfalten können. Altersneugierde ist etwas Wunderbares, das hilft, Veränderungen zu setzen. Hilfreich ist dabei auch, Kontakt mit anderen Menschen ähnlichen Alters zu pflegen und sich von deren Aktivitäten anregen zu lassen.  

Gibt es bei Veränderungsprozessen auch Phasen wie beispielsweise bei Trauerprozessen?
Knittel: Ja. Oft beginnt es damit, dass festgefügte Formen nicht mehr den Halt geben wie früher. Das kann man auch daran merken, dass man in emotionale Turbulenzen gerät - sei es ein großes Unbehagen oder dass man trauriger, ungeduldiger oder schneller wütend wird. Zu diesem Zeitpunkt merkt man meist, dass man etwas ändern muss. Das Verändern bringt oft Verlusterfahrungen oder Trauer mit sich. Diese Phase kann schwer sein, doch es kann der Punkt kommen, an dem ich merke: Ich werde freier und bekomme neue Blickwinkel. Das ist meist mit einer Phase der Stabilisierung verbunden, in der ich Neues in meinem Leben gestalten möchte und wieder mehr genießen kann.

(Aus der frauenZEIT Nr. 31 vom 3. Dezember 2020)